Bild: Jessica Neal (10/2005) flickr.com

John Hancock

US-amerikanischer Kaufmann und Politiker; einer der populärsten Führer der “Patrioten” in Neuengland gegen das britische Mutterland. Von 1775 bis 1777 war er der dritte Präsident des zweiten Kontinentalkongresses, von 1780 bis 1793 (mit Unterbrechung von 1785 bis 1986) erster Gouverneur von Massachusetts. Er war Mitunterzeichner der Unabhängigkeitserklärung.

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Boston, Granary Burying Ground

Stephan Andrijowitsch Bandera [ukrain. Степан Андрійович Бандера]

Ukrainischer Politiker; wurde in Deutschland bekannt, als er von Agenten des KGB mit einer Blausäuregas versprühenden Spezialwaffe im Eingang seines Wohnhauses in München ermordet wurde. 1934 war er unter dem Vorwurf, an der Ermordung des polnischen Innenministers Bronisław Pieracki beteiligt gewesen zu sein, zunächst zum Tode, dann zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen 1939 wurde er befreit, ließ sich und seine Anhänger jedoch nicht wie erhofft auf die deutsche Seite ziehen. 1941 von deutscher Seite wegen des Aufrufs zur Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert und Ende 1944 entlassen, tauchte er in Deutschland unter, da er - wegen seiner antisowjetischen Aktionen in Abwesenheit zum Tode verurteilt – vom dem sowjetischen Geheimdienst, dem KGB, gesucht wurde.

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München, Waldfriedhof (Alter Teil)

Freiburg OT Günterstal, Friedhof a.d. Liebfrauenkirche

Hans Karl Filbinger

Bild: Albärt (12/2006) GNU FDL

Deutscher Jurist und Politiker (CDU); beendete ein Studium der Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft in Freiburg im Breisgau und in München 1939 mit der Promotion. Bereits seit 1934 (bis 1937) war er Mitglied der SA, von 1933 bis 1936 des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) und 1937 der NSDAP. 1940 wurde er zur Marine eingezogen und 1943 zum Oberfähnrichs zur See befördert. Kurz vor der Beförderung zum Leutnant wurde er zur Militärjustiz abkommandiert. Nach eigener Darstellung habe er zweimal vergeblich versucht, dieser Abkommandierung dadurch zu entgehen, indem er sich - wenn auch vergeblich - freiwillig zur U-Boot-Waffe meldete. In Norwegen geriet er in britische Kriegsgefangenschaft. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war Filbinger zunächst als Rechtsanwalt in Freiburg tätig. 1951 trat er der CDU bei, war von 1960 bis 1966 Innenminister, von 1966 bis 1978 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, von 1971 bis 1979 Landesvorsitzender der CDU und von 1973 bis 1979 stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU. Nachdem der Schriftsteller Rolf Hochhuth (*1931) 1978 in der Wochenzeitung Die Zeit Filbingers Beteiligung an vier Todesurteilen bei NS-Kriegsgerichtsverfahren publik machte und ihn einen „furchtbaren Juristen“ nannte, trat Filbinger von diesem Amt zurück, nicht ohne sich über eine beispiellose Medienkampagnie gegen seine Person zu beklagen. Zu einem Eklat kam es im April 2007, als der Ministerpräsident Baden-Württembergs, Günther Oettinger, anläßlich des Todes von Filbinger, diesen in seiner Trauerrede als einen Gegner des Nazi-Regimes bezeichnete. “Hans Filbinger war kein Nationalsozialist“... “Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte”.

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Karl Joseph Wirth

 

Deutscher Politiker (Zentrum) und Reichskanzler (Zentrumspartei); studierte Sozialökonomie und Mathematik und arbeitete ab 1908 als Gymnasiallehrer. 1913 zog er als Zentrumsabgeordneter in den badischen Landtag ein. Von 1914 bis 1918 und von 1920 bis 1933 war er Mitglied des Reichstag, 1919/20 Mitglied der Nationalversammlung. 1920/21 war er Reichsfinanzminister, anschließend Reichskanzler (1921/22). Als solcher unterzeichnete er zusammen mit Walther Rathenau den Rapallovertrag, der einen wirtschaftlichen Ausgleich mit der Sowjetuion begründete, und setzte nach Rathenaus Ermordung das sogenannte Republikschutzgesetz durch. 1929/30 war er Reichsminister für die besetzten Gebiete und 1930/31 Reichsinnenminister; vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg wurde er aus dem Kabinett gedrängt, da er in den Augen des Reichspräsidenten zu sehr links orientiert war. Von 1933 bis 1948 hielt er sich im Exil in der Schweiz auf. 1953 gründete er den Bund der Deutschen und trat für eine Neutralisierung Deutschlands und eine Verständigung mit der UdSSR ein.

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Freiburg, Hauptfriedhof

Constantin Fehrenbach

1882

 

Deutscher Politiker und Reichskanzler (Zentrumspartei); der Sohn eines Lehrers studierte ab 1871 in Freiburg katholische Theologie an der Albert-Ludwigs-Universität, anschließend Rechtswissenschaften und ließ sich als Rechtsanwalt in Freiburg nieder. Seit 1884 war er Mitglied des Stadtrats, von 1885 bis 1887 sowie von 1901 bis 1913 Landtagsabgeordneter in Baden und von 1907 bis 1909 Landtagspräsident. 1903 wurde er in den Reichstag gewählt, dem er bis zu seinem Tode angehören sollte. 1917/18 war er Vorsitzender des Haushaltsausschusses des Reichstags, 1919/20 Mitglied der Weimarer Nationalversammlung. Nach der Ernennung Eduard Davids zum Reichsminister wurde er am 13.2.1919 zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt und war von 1923 bis 1926 Vorsitzender der Zentrumsfraktion im Reichstag. Nach dem Rücktritt des Reichskanzlers Hermann Müller wurde Fehrenbach im Juni 1920 dessen Nachfolger in einem von der SPD tolerierten rein bürgerlichen Minderheitskabinett aus Zentrum, DVP und DDP und nahm in dieser Funktion an den Konferenzen von Spa (1920) und London (1921) teil. Nach einem Jahr im Amt des Reichskanzlers trat er zurück, weil die Deutschnationale Volkspartei nicht länger den auf die Verständigung mit den Westmächten abzielenden Regierungskurs in der Reparationsfrage mittragen wollte.

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Bilder: KN (28.04.2007)
Bilder: KN (28.04.2007)
(c) P.Robert Jauch OFM (04/2007)

Chaim Herzog

 

Israelischer Politiker; sechste Präsident Israels (1983-93); der Sohn des angesehenen Rabbis wanderte 1935 nach Palästina aus und diente während des großen arabischen Aufstands von 1936 bis 1938 in der Vorgängerorganisation der israelischen Armee, der Hagana. Während des Zweiten Weltkrieges war er Soldat der britischen Armee und wurde am Ende des Krieges Chef der Aufklärung in Norddeutschland. 1945 war er an der Befreiung mehrerer Konzentrationslager beteiligt. Nach der Rückkehr nach Palästina setzte er sich für die Gründung eines eigenen jüdischen Staates ein. Nachdem der UN-Teilungsplan von 1947 die Schaffung eines Staates möglich gemacht hatte, kämpfte Herzog im israelischen Unabhängigkeitskrieg als Offizier im Kampf um Latrun. Er war mehrmals Chef des Militärgeheimdienstes Aman der Zahal (1948 bis 1950 und von 1959 bis 1962). Von 1950 bis 1954 war er als Militärattaché bei der israelischen Botschaft in den USA akkreditiert. 1962 zog er sich vom Militärdienst zurück und arbeitete als Anwalt in Tel Aviv. In den Staatsdienst kehrte er 1981 zurück, als er als Mitglied der israelischen Arbeitspartei in die Knesset gewählt wurde. 1983 wurde er zum sechsten Präsidenten Israels gewählt und in diesem Amt 1988 bestätigt. 1987 besuchte er als erstes israelisches Staatsoberhaupt die Bundesrepublik Deutschland. 1993 zog er sich in das Privatleben zurück.

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Jerusalem, Herzlberg (Mount Herzl National Cemetery)

Freiburg, Hauptfriedhof

Bilder: Matthias Bauer (03/2014)
Bilder: Klaus Paap (10/2014)

Karl Scharnagl

 

 

Deutscher Poltiker (CSU); erlernte zunächst das Bäcker- und Konditorhandwerk im elterlichen Betrieb, schlug aber schon in jungen Jahren eine politische Laufbahn ein, wurde 1911 Abgeordneter der Deutschen Zentrumspartei in der Zweiten Kammer des Bayerischen Landtags und saß nach deren Abspaltung von der Zentrumspartei ab 1918 als Mitglied der Bayerischen Volkspartei, für die er für zwei weitere Wahlperioden – von 1920 bis 1924 und von 1928 bis 1932 – im Landtag. 1919 wurde Scharnagl in den Münchner Stadtrat gewählt, war 1925 Erster Bürgermeister und 1926 Oberbürgermeister der Stadt. Als solcher bemühte er sich besonders um den Ausbau des Verkehrsnetzes sowie um den Wohnungsbau. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kehrte in seinen gelernten zurück. Obwohl an dem Attentat vom 20. Juli 1944 nicht beteiligt, wurde er verhaftet und im KZ Dachau interniert. Nach der Befreiung des Lagers und der anschließenden Kapitulation der deutschen Wehrmacht wurde Scharnagl von den US-Streitkräften im Mai 1945 wieder als Oberbürgermeister von München eingesetzt und spielte gemeinsam mit Karl Meitinger eine wichtige Rolle im historisierenden Wiederaufbau der Innenstadt Münchens, der unter dem Namen Scharnagl-Plan bekannt wurde, und war Initiator des Kulturbaufonds München. Im Sommer 1945 war er Mitbegründer der Christlich-Soziale Union (CSU) Am 6.6.1946 wurde Karl Scharnagl bei der Wahl zum Oberbürgermeister in seinem Amt bestätigt, unterlag jedoch zwei Jahre später Thomas Wimmer von der SPD. Er amtierte noch ein Jahr als 2. Bürgermeister bevor er 1949 in den Ruhestand trat. Am 1.6.1946 wurde er zum ehrenamtlichen Präsidenten des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) und am 12.4.1947 zu dessen Präsidenten gewählt. 1948 war Scharnagl Mitbegründer der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und von 1947 bis 1949 war er Mitglied des Bayerischen Senats.

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Wilhelm Georg Ritter von Borscht (seit 1911)

1885               1915

 

Deutscher Politiker (Zentrum); Sohn eines Gymnasialprofessors, studierte Jura in Würzburg, legte 1881 die Beamtenprüfung ab und trat anschließend in den bayerischen Staatsdienst ein. 1882 wurde er Bezirksamtsassessor in Kitzingen und 1887 Sekretär für die Vorbereitungen Sekretär der Deutsch-Nationalen Kunstgewerbe-Ausstellung, die 1888 in München ihre Tore öffnete. Von 1888 bis 1893 bekleidete er dann das Amt des Zweiten Bürgermeisters von München, wurde dann Erster Bürgermeister und blieb in dieser Position bis Juni 1919. Während seiner Amtszeit wurden u.a. zwei wichtige Neuerung in der stetig wachsenden Stadt eingeführt: Es wurde eine Großmarkthalle eröffnet, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen und die Straßenbeleuchtung nach und nach auf Beleuchtung mittels elektrischen Lichts umgestellt. Außerdem bemühte er sich gemeinsam mit Oskar von Miller erfolgreich um den Aufbau des Deutschen Museums, dem der Magistrat der Stadt unter Borschts Führung einen Teil der alten Kohleninsel in der Isar als Baugrund für das vorgesehene Museumsbau zur Verfügung stellte, und das provisorisch ab 1906 für das Publikum zugänglich war. Wilhelm Borscht setzte sich auch für die Errichtung eines Zoologischen Gartens ein, der dann am 1.8.1911 unter dem Namen Tierpark Hellabrunn wurde am 1.8.1911 gegründet wurde.

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Thomas Wimmer

 

 

Deutscher Politiker (SPD); Sohn eines Feuerschmieds und einer Dienstmagd; wuchs in ärmlichen kleinbürgerliche Verhältnissen auf und erlernte das Schreinerhandwerk. 1907 trat er der 1893 in Kassel gegründeten Gewerkschaft Deutscher Holzarbeiter-Verband (DHV) bei und wurde 1909 Mitglied der SPD. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde Wimmer zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates in München gewählt und war ab Juli 1919 erster Vorsitzender der Münchner Sozialdemokraten. Zwischen 1924 und der “Machtergreifung” der Nationalsozialisten im Jahre 1933 war er als ehrenamtlicher Stadtrat für Personal- und Wohnungsfragen als auch für die Gemeindefinanzen tätig, bevor er in “Schutzhaft“ genommen und zunächst in Stadelheim, danach in Landsberg am Lech inhaftiert und später wiederholt in Gestapogewahrsam genommen wurde. Nach der Stadtratswahl vom 30.5.1948, die die SPD gewann, löste Wimmer, seit 1946 Mitglied des Bayerischen Landtags für die SPD, den CSU-Politiker Karl Scharnagl am 1. Juli als Oberbürgermeister Münchens ab. 1950 eröffnete Wimmer das zweite Oktoberfest nach dem Zweiten Weltkrieg. 1952 wurde er bei der neu eingeführten Direktwahl von der Stadtbevölkerung mit 60,9 Prozent und 1956 mit 58,3 Prozent erneut im Amt des Oberbürgermeisters bestätigt, das er bis 1960 bekleidete.

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Bilder: Peter Müller (01/2015)

München, Waldfriedhof (Alter Teil)

Bilder: Peter Müller (01/2015)

München, Ostfriedhof

Bild: Peter Müller (01/2015)

München, Ostfriedhof

Helmut Josef Michael Kohl

 

Deutscher Politiker (CDU); Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (1982-98) und zugleich der erste Regierungschef des wiedervereinten Deutschlands; drittes Kind des Finanzbeamten Hans Kohl (*1887, †1975) und dessen Frau Cäcilie (*1891, †1979) née Schnur); wurde 1944 zum Dienst in einem Ludwigshafener Feuerlöschtrupp herangezogen und kam anschließend per Kinderlandverschickung nach Erbach im Odenwald und später nach Berchtesgaden, wo er als Mitglied der Hitlerjugend eine vormilitärische Ausbildung erhielt, kam aber nicht mehr zum Kriegseinsatz als Flakhelfer. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges studierte Kohl, der 1947 noch als Schüler Mitglied der Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU) wurde und im selben Jahr Mitbegründer der Jungen Union (JU) in seiner Heimatstadt Ludwigshafen. war, von 1950 bis 1958 Geschichte, Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten Frankfurt am /Main und Heidelberg, das er 1958 mit der Promotion zum Dr. phil. abschloß. Von 1959 bis 1969 war er als Referent des Industrieverbandes Chemie tätig. 1959 wurde Kohl als Abgeordneter und Fraktionsvorsitzender in den Stadtrat von Ludwigshafen am Rhein gewählt, dem er bis 1966 angehörte, zog als Abgeordneter für seine Partei in den Landtag ein und übernahm 1963 den Fraktionsvorsitz der CDU in Rheinland-Pfalz, den er bis 1969 innehatte. 1969/70 leitete er die Programmkommission der CDU. Von 1969 bis 1976 war er dritter Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz und regierte das Bundesland ab 1971 mit absoluter Mehrheit bis 1976. .Bereits ab 1964 Mitglied des Bundesvorstandes der CDU und ab 1969 stellvertretender Bundesvorsitzender seiner Partei, .wurde Kohl, nachdem er noch im Oktober 1971 Rainer Barzel bei der Bewerbung um den Bundesvorsitz der CDU unterlegen war, am 12.6.1973 von seiner Partei zu ihrem Bundesvorsitzenden gewählt. Seit Dezember 1976 war er auch Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, dem er von 1976 bis 2002 angehörte. Bei den Bundestagswahlen im Jahre 1976 trat er als Kandidat für das Amt des Bundeskanzlers an, konnte jedoch trotz des bis dato zweitbesten Ergebnisses für die CDU/CSU den Regierungswechsel gegen die regierende SPD unter Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht herbeiführen, und bei den Wahlen des Jahres 1980 mußte er dem Vorsitzenden der Schwesterpartei der CDU, der Christlich-Soziale Union in Bayern (CSU) Franz Josef Strauß die Kanzlerkandidatur für die Union überlassen. Erst bei den Wahlen zum Bundestag am 1.10.1982 wählte der Bundestag Kohl im Zuge eines von der CDU/CSU-Fraktion und der Mehrheit der FDP-Fraktion getragenen konstruktiven Mißtrauensvotums gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt zu dessen Nachfolger. 1983 und 1987 wurde Kohl an die Spitze einer Regierungskoalition, bestehend aus CDU, CSU und FDP , als Bundeskanzler bestätigt. Als solcher setzte er sich Kohl, der Selbstverantwortung und Stärkung des individuellen Leistungswillens in den Vordergrund seiner Regierungspolitik stellte, mit starkem persönlichem Engagement trotz massivem außerparlamentarischem Widerstand seitens der Friedensbewegung für die Durchführung des NATO-Doppelbeschlusses von 1979 ein und stimmte 1987 der ”doppelten Nulllösung” beim Abbau der Mittelstreckenraketen zu. Obwohl sich die Union jahrelang gegen die Ostpolitik der sozialliberalen Regierung gestemmt hatte, setzte er - jetzt in der Regierungsverantwortung - die Deutschland- und Ostpolitik der sozialliberalen Koalition zusammen mit seinem Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) im Grundsatz fort. Mit diesem unterstützte er entschieden die von Michail Gorbatschow 1985 eingeleitete politische Wende im Ostblock, der Perestroika und Glasnost. Um eine Zahlungsunfähigkeit der DDR zu verhindern, stimmte er einer Vermittlung eines Milliardenkredit durch den CSU-Vorsitzenden Strauß zu. Die DDR-Regierung ließ daraufhin einerseits als Gegenleistung nach und nach die Selbstschußanlagen an der innerdeutschen Grenze abbauen und erteilte andererseits in großzügigerer Weise Ausreisegenehmigungen für Übersiedler aus der DDR in die Bundesrepublik. Im September 1987 trat Kohl den Staatsratsvorsitzender und Generalsekretär des Zentralkommitees (ZK) der Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED)Erich Honecker, in Bonn.

Kohl, der sich anläßlich eines fünftägigen Staatsbesuchs in Polen aufhielt, erhielt in Warschau während eines Banketts mit dem polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki am Abend des 9. November 1989 eine Nachricht, dessen Inhalt und die daraufhin erfolgten Ereignissen in Berlin in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, als der Übergang von Ost- nach Westberlin an der Bornholmer Straße geöffnet worden war, die ihn völlig überraschte: Das SED-Poltibüromitglied Günter Schabowski hatte kurz zuvor im Rahmen der Fernsehübertragung einer Pressekonferenz mitgeteilt, die DDR öffne ab sofort als Übergangsregelung ein vereinfachtes Verfahren der Ausreise von Privatpersonen nach Westdeutschland, bis ein entspr. Reisegesetz erlassen sei. Längst hatte das deutsche Volk, und die politischen Parteien - aber auch die CDU/CSU, die lange die Wiedervereinigung auf als Ziel auf ihre Fahnen geschrieben hatte - die Hoffnung und den Glauben einer Zusammenführung der beiden deutschen Staaten aufgegeben. Erst das Volk der DDR, das im Herbst 1989 in Berlin und anderen Städten der DDR friedlich gegen die Staatsführung der DDR demonstrierte, setzte den Beginn der Wiedervereinigung in Gang. Insofern ist Kohl, der die Gunst der Stunde erkannt und genutzt hat wird als “Kanzler der Einheit” apostrophiert, seitens einiger seiner Kritiker aber als “Kanzler während der Einheit” bezeichnet. Zweifellos ist es jedoch Kohls Verhandlungsgeschick und seinem persönlichem Einsatz zu verdanken, daß Bedenken hinsichtlich einer Wiedervereinigung der beiden deutschen Teile insbesondere seitens der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow, der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und Frankrechs Staatspräsident François Mitterrand, mit dem gemeinsam er 1988 mit dem Internationaler Karlspreis ausgezeichnet worden war, zerstreut werden konnten. In der Diskussion um die Gestaltung der zukünftigen innerdeutschen Beziehungen legte Kohl am 28.11.1989 einen Zehn-Punkte-Stufenplan zu einer bundesstaatlichen Vereinigung beider Staaten vor und setzte sich für deren zügige Verwirklichung sowie außenpolitischen Absicherung u.a. für die sogenannten “Zwei-plus-vier-Gespräche” ein, die zwischen Mai und September 1990 geführt wurden und in deren Verlauf schließlich die Übertragung der vollen Souveränität seitens der Siegermächte an das vereinte Deutschland erfolgte, und trieb den Einigungsvertrag zwischen beiden deutschen Staaten vom 31. August 1990 maßgeblich voran. Im Zuge der Eingliederung der Ost-CDU in die Gesamtorganisation der Partei am 1.2.10.1990 wurde er gesamtdeutscher Parteivorsitzender und ab 3.10.1990 erster Kanzler des geeinten Deutschland. Den Menschen in den “Neuen Bundesländern” versprach er voreilig “blühende Landschaften” - trotz Problemen, die der Vereinigungsprozeß aufgrund der sozialen und ökonomischen erkennbar nach sich ziehen würde. Bei der Bundestagswahl am 27.9.1998 verlor die CDU/CSU 6,3 Prozentpunkte und erzielte damit ihr schlechtestes Ergebnis nach 1949, und Gerhard Schröder (SPD) wurde sein Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers in einer rot-grünen Koalition (Kabinett Schröder I). In der Folge seiner Abwahl trat Kohl als Parteivorsitzender zurück. wurde jedoch zum Ehrenvorsitzender der CDU gewählt.

Mit großen Ehrgeiz und Engagement verfolgte Helmut Kohl, der als junger Mann noch den Zweiten Weltkrieg und die Auswirkung des Krieges miterlebt hatte, seinen Traum von einem vereinten Europa in der Erkenntnis, daß nur so in der Zukunft Kriege, die die Völker Europas immer wieder in großes Leid gestürzt hatten, zu verhindern seien,. Als Verfechter einer Neuordnung Europas vereinbarte die Bundesrepublik Deutschland unter Kanzler Kohl als eines der fünf ersten Staaten das Schengener Übereinkommen von 1985 über den Abbau der Grenzkontrollen in der EU. Im Rahmen dieser Neuordnung Europas als ein Bollwerk der Demokratie trafen sich am 22.9.1984 der französische Staatspräsident François Mitterrand und Helmut Kohl am Ort der Schlacht um Verdun, um gemeinsam der Toten der beiden verheerenden Weltkriege zu gedenken. Schon vor 1989/90 in der Europapolitik um neue Impulse für den europäischen Einigungsprozess bemüht, setzte er sich seitdem im gleichen Maße für die Erweiterung der Europäischen Union und die Unterstützung der Reformprozesse in Osteuropa ein.

Im Laufe der späteren Jahre seiner Regierungszeit entwickelte sich vermehrt Kritik an Kohls Politik und Führungsstil. Viele Menschen in der Bundesrepublik und dem dann wiedervereinigten Deutschland empfanden die Zeit seiner 16 Jahre andauernden Kanzlerschaft als eine Zeit des politischen Stillstands, in der sich abzeichnenden Probleme, z.B. einer alternden Gesellschaft, nicht angegangen wurden. Das Schlagwort vom ”Reformstau“ wurde geprägt. Auch die während seiner Kanzlerschaft schon 1986/87 eingeleiteten und von ihm selbst mit Nachdruck vertretenen Steuer- und Gesundheitsreformen sowie die weitgehend erfolglosen Bemühungen um Reduzierung der wachsenden Arbeitslosigkeit in den Jahren 1997 und 1998 und des ausbleibenden Konjunkturaufschwungs stießen immer wieder auf vehemente Kritik, zumal er an den streng stabilitätsorientierten wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen festhielt, um die Kriterien für die Teilnahme an der Europäischen Währungsunion teilnehmen zu können, ein Ziel, das mit der Einführung des Euro - .am 1. Januar 1999 als Buchgeld, drei Jahre später, am 1. Januar 2002, als Bargeld - erfüllt wurde. Auch die von ihm vehement vorangetriebene rasante Erweiterung der Europäischen Union brachte ihm in Deutschland viel Kritik ein.

Einen großen persönlichen Imageschaden erlitt Kohl durch die sogenannte CDU-Spendenaffäre. Kohl hatte nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 die Herkunft eines Betrags in Höhe von 2,1 Millionen DM wegen eines Ehrenwortes gegenüber der Spender verschwiegen, obwohl er gemäß des Parteiengesetzes, das er als Bundeskanzler selbst unterzeichnet hatte, und der darin verankerten Publikationspflicht zur Auskunft verpflichtet war1. Sein Verhalten zu diesem Thema, zu dem Kohl bis zu seinem Tode keine Stellung nahm, stieß seinerzeit auf heftige öffentliche Kritik. In der Folge legte er im Januar 2000 das 1998 verliehenes Amt als Ehrenvorsitzender der CDU nieder ,

Oft wurde ihm sein rüder Umgang mit Personen und Institution, die ihm nicht genehm waren. vorgeworfen. Immer wieder beschimpfte er z.B. Journalisten; ein besonderes Objekt seiner Ablehnung war das Wochenmagazin SPIEGEL. Während seiner gesamten Amtszeit als Kanzler zog er immer wieder auch viel politischen und persönlichen Spott auf sich Am nachhaltigsten grub sich im Bewußtsein der Bevölkerung Westdeutschlands eine Darstellung des Satiremagazins Titanic ein, in der der Kopf Kohls in Form einer Birne mit Stengel als Karikatur abgebildet war, sowie seine Angewohnheit, seine Reden mit wenig sinntragenden Phrasen anzureichern (“.… und ich sage dies mit aller Deutlichkeit, meine Damen und Herren“).

Als erste Persönlichkeit in der Geschichte der Europäischen Union wurde Helmut Kohl am 1.7.2017 im Europäischen Parlament in Straßburg mit einem Trauerakt der EU geehrt; gleichtags wurde anschließend im Dom in Speyer für den Verstorbenen eine Totenmesse zelebriert.

Verheiratet war Helmut Kohl zweimal: Seit 1960 mit Hannelore, née Renner - aus der Ehe gingen die beiden Söhne Walter (* 1963) und Peter (* 1965) hervor - und ab 2008 bis zu seinem Tode mit Maike, née Richter.

Werke u.a.: Ich wollte Deutschlands Einheit (1996), Erinnerungen (2004ff.)..

Auszeichnungen u.a.: Marshall-Preis (1997), Ehrenbürger Europas, ernannt vom Europäischen Rat (1998), Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland mit Lorbeerkranz (1998), Internationaler Preis des Westfälischen Friedens (1999),.

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1 Heute gilt als gesichert, daß Kohls Behauptung, er habe den Spender sein Ehrenwort gegeben, ihre Namen nicht preiszugeben, eine Schutzbehauptung gewesen sei. Vielmehr stammten die fraglichen Gelder nicht von anonymen Geldgebern, sondern seine Behauptung diente der Verschleierung der wirklichen Herkunft dieser Gelder, die über Jahrzehnten – u.a. in der Schweiz - in „schwarzen Kassen“ gesammelt wurden. Auch sein längjähriger Parteifreund und Minister Schäuble äußerte sich in einem Interview in dieser Richtung.

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Speyer, Alter Friedhof (Hirschgraben)

Bilder: Bernd Wolter (07/2017)
Bild: Klaus Paap (08/2017)
Bild: Christiane Reinking (05/2018)

Zustand der Grabstätte im Mai 2018 (links ein Hinweis, daß die Grabstätte videoüberwacht wird, rechts ein Hinweis zur Ablage von Blumen, Kränzen etc.)

Bild: Klaus Paap (06/2019)
Politiker XLI

Omnibus salutem!