Clemens Wenzelslaus Brentano von La Roche

 pinxit Wilheln Hensel (1819)  

Deutscher Dichter; der Sohn des Frankfurters, aus Italien eingewanderten Kaufmanns Pietro Antonio Brentano und Bruder der Bettine von Arnim (née Brentano) war zunächst wie sein Vater als Kaufmann tätig, studierte ab 1797 in Halle und Jena, wo er mit dem Kreis der Frühromantiker in Verbindung kam. Neben Achim von Arnim gilt er als Hauptvertreter der jüngeren Romantik, gab mit diesen die Sophie MereauVolksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn heraus. Trotz vielseitiger Begabung blieben alle seine größeren Werke Fragmente. 1803 heiratete er die geschiedene Schriftstellerin Sophie Mereau (1770, †1806) die erst nach langem Zögern seinem Werben zugestimmt hatte. Die Ehe verlief unglücklich; Brentano schränkte ihre Selbstbestimmung ein – sie kam kaum noch zum Schrieben – und er war besitzergreifend und eifersüchtig. Da er sich ein Kind wünschte, wurde sie viermal erfolglos schwanger. 1806 starb sie bei der Totgeburt eines Kindes im Kindbett. Bereits am 21.8.1807 heiratete er die 17-jährige Auguste Bußmann1, die er entführt hatte; die Ehe wurde nach langem Trauerspiel endlich 1814 geschieden, was ihn allerdings veranlaßte, ein hemmungsloses Haßgedicht zu schreiben (Auguste heiratete wieder, gebar vier Kinder; sie ertränkte sich 1832 im Neckar). 1811 verließ Brentano Berlin, wo er sich seit 1809 aufgehalten hatte und der antijudaistischen ”Deutschen Tischgesellschaft” angehörte, die im Januar 1811 von Achim von Arnim und Adam Heinrich Müller gegründet worden war, hielt sich in den nächsten zwei Jahren in Böhmen und in Wien auf, wo sein Versuch scheiterte, sich als Bühnenautor zu etablieren. Nach seiner Rückkehr nach Berlin im Jahr 1815 spielte er mit dem Gedanken, zum Protestantismus überzutreten, um Luise Hensel, die Schwester des Malers Wilhelm Hensel und Schwägerin der Komponistin Fanny Hensel und Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys, heiraten zu können. Er hatte die Pastorentochter gegen Ende desbrentano_maerchen Jahres 1816 kennengelernt. Sie lehnte seinen Antrag jedoch ab, und während er 1818 Berlin verließ, konvertierte sie ihrerseits zum Katholizismus.

Gockel, Hinkel und Gackeleia (Titelblatt des Erstdrucks von 1838)

Bis 1824 lebte er in Dülmen (Westfalen), und zeichnete dort die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick auf, die - vermischt mit eigenen Kommentaren - nach ihrer Veröffentlichung unter den Titeln Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi (1833), Leben der hl. Jungfrau Maria (1852, postum), Leben Jesu (1858-60) sowie einer unvollendeten Biographie Anna Katharina Emmericks (1867-70) - zu vielgelesenen Erbauungsbüchern wurden. Wie schon zuvor in Berlin, blieb auch sein Werben um die Schweizer Malerin Emilie Linder erfolglos, die Brentano 1833 in München kennengelernt hatte. Seine Bekehrungsbemühungen blieben zunächst fruchtlos; erst nach Brentanos Tod konvertierte auch sie zum Katholizismus. Geblieben aus dieser Zeit ist sein lyrisches Spätwerk, u.a. Ich darf wohl von den Sternen singen. Seine letzten Lebensjahre waren von Schwermut geprägt; gestorben ist er im Hause seines Bruders Christian.

Werke u.a.: Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl (1817), Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christ (1833).

Inschrift: Als die Blumen hier vergangen, ist der Frühling dort erschienen, sie sind zum Verein gegangen, zu des Himmels Arbeitsbienen.

 

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Eintrag über Brentanos Tod im Kirchenbuch

   Die Rose blüht, ich bin die fromme Biene,
   Die in der Blätter keuschen Busen sinkt,
   Und milden Tau und süßen Honig trinkt,
   Doch lebt ihr Glanz und bleibet ewig grüne.
   So singt mein tiefstes Freudenlied,
   Ach meine Rose blüht!
  
   Die Rose blüht, o Sonnenschein verziehe,
   Daß lange noch der liebe Sommer währt,
   Und mir kein Sturm die süße Lust versehrt,
   Daß all mein Heil aus dieser Rose blühe,
   So freut sich innig mein Gemüt,
   Weil meine Rose blüht!
  
   Die Rose blüht, und lacht vor andern Rosen,
   Mit solcher Huld, und Liebesmildigkeit,
   Daß gern mein Sinn sich zu der Pflicht erbeut,
   Mit andern Blumen nie mehr liebzukosen,
   Weil alle Liebe, die erglüht,
   Aus Dir Du Rose blüht!

[Brentano: Ausgewählte Gedichte]

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Brentanohaus in Winkel

 

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1 Auguste Bußmann ist verwandt mit Cosima Wagner. Ihre Mutter, die Schwester Moritz Bethmanns, hatte 1790 dessen Compagnon Bußmann geheiratet, und 1791 Auguste geboren. Ihre Halbschwester aus der 2. Ehe ihrer Mutter heiratete den Grafen d’Agoult und wurde die Geliebte Franz Liszts . Eines ihrer 3 Kinder war Cosima, die spätere Frau Richard Wagners.

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John Keats

               

Englischer Schriftsteller; niederen Standes, aber keineswegs arm, verlor er seinen Vater früh durch einen Unfall. Er begann mit 15 Jahren eine Lehre als Wundarzt, studierte auf Anweisung seines Vormunds von 1814 bis 1816 Medizin und erhielt 1816 seine Zulassung als Apotheker, wobei er diesen Beruf nie ausübte; vielmehr wandte er sich der Dichtung zu. Nachdem er bereits Vergils Aenaeis übersetzt hatte, veröffentlichte er 1816 die ersten Gedichte (Oh, Solitude if I with Thee Must Dwell und On First Looking into Chapman’s Homer), zu denen ihn die Lektüre der Ilias und der Odyssee anregte. Hunt, bei dem die beiden Gedichte erschienen waren, führte ihn in einen Literatenzirkel ein, in dem er u.a. Percy Bysshe Shelley kennenlernte. 1817 veröffentlichte Keats den Band Poems by John Keats. 1819 verlobte er sich mit Fanny Brawner. Als er 1820 an Tuberkulose erkrankte, ließ er sich auf Anraten seines Arztes im Herbst des gleichen Jahres in Rom nieder. Obwohl sein Leben stark von seiner Krankheit beeinflußt wurde, war die Zeit von 1818-20 seine produktivste und schöpferischste. Seine erst lange nach seinem Tod erschienene Ballade La Belle Dame sans merci (1888) diente in der europäischen Dichtung als Vorbild für zahlreiche Femme-fatale-Figuren z.B. bei Charles Swinburne und Oscar Wilde. Zugleich übte er Einfluß auf die Präraffaeliten aus (u.a. auf Dante Gabriel Rossetti).

Werke u.a.: Endymion (1818), Lamia, Isabella, The Eve of St. Agnes, and Other Poems (1820), Ode on a Grecian Urn, Ode on Melancholy, Ode to a Nightingale (1820).

Inschrift auf der Gedenkplatte an der Wand:

K-eats ! if thy cherished name be "writ in water"
E-ach drop has fallen from some mourner's cheek;
A-sacred tribute: such as heroes seek,
T-ough oft in vain - for dazzling deeds of slaughter
S-leep on! Not honoured less for Epitaph so meek!

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Aschaffenburg, Altstadtfriedhof

Astrid Anna Emilia Lindgren née Ericsson

1924

Schwedische Kinderbuchautorin; schrieb ihr wohl bekanntestes Buch Pippi Langstrumpf 1945, um ihre kranke Tochter zu unterhalten; arbeitete als Lektorin in dem Verlag, der ihre Bücher herausgab, die in über 130 Mio. Exemplaren verkauft und in mehr als 80 Sprachen übersetzt wurden; u.a. wurde sie 1978 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt, 1994 erhielt sie den Alternativen Nobelpreis. Außerdem engagierte sie sich für den Umweltschutz und setzte sich für eine Reform der Landwirtschaft in Schweden ein. Als sie sich über die hohe Besteuerung ärgerte und 1976 das Buch Pomeripossa in Monismanis veröffentlichte, trug dies zur Abwahl der damalige Sozialdemokratische Partei Schwedens unter Sven Olof Palme zugunsten einer bürgerlichen Partei bei.

Werke u.a.: Wir Kinder aus Bullerbü (1954), Mio, mein Mio (1955), Karlsson vom Dach (1956), Rasmus und der Landstreicher (1957), Michel in der Suppenschüssel (1964), Die Brüder Löwenherz (1974), Ronja Räubertochter (1982).

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Bild: Devon McPherson (08/2007)

Vimmesby, Småland

James Henry Leigh Hunt

             

Englischer Dichter, Essayist und Literaturkritiker; schrieb bereits nach seinem Schulabschluß Gedichte und Beiträge für verschiedene Zeitungen, gab von 1808 bis 1831 zusammen mit seinem Bruder John die liberale Zeitschrift Examiner heraus und in Italien zusammen mit Lord Byron und Percy Bysshe Shelley die Zeitschrift The Liberal. Nach 1825 kehrte Hunt - inzwischen anerkannter Kritiker - nach England zurück. Als einer der ersten erkannte er die besondere dichterischen Fähigkeiten seiner Landleute John Keats und Lord Tennyson. Hunts exzentrischer Charakter diente Charles Dickens als Vorbild für die Gestalt des Skimpole in Bleak House.

Werke u.a.: The Story of Rimini (1816), Books of Gäms (1838).

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Rom, Cimitero Acattolico per gli Stranieri - Friedhof an der Cestiuspyramide

Hinweis: Obwohl sein Name auf dem rechten Grabstein verzeichnet ist, handelt es sich um das Grab seines Freundes Joseph Servern. Keats liegt in den Grab links daneben (s. Bild links & unten). Keats wünschte einen Grabstein ohne Nennung seines Namens, jedoch mit der Inschrift: Here lies One Whose Name is writ in Water.

London, Kensal Green Cemetery

Iwan Mintschew Wasow  [bulg. Иван Минчев Вазов]

 

Bulgarischer Schriftsteller; einer der Aktivisten der Bulgarischen Nationalen Wiedergeburt; war zwischen 1897 und 1899 Bildungsminister in der Regierung der konservativen Volkspartei. Wasow gestaltete revolutionär-romantische Themen aus der Zeit vor der Befreiung Bulgariens (1878), besonders mit seinem Roman Pod igoto (1893, dt. Unter dem Joch) über den Aprilaufstand von 1876 erntete er internationale Anerkennung. Danach war er Vertreter des kritischen Realismus. Er verfaßte Novellen, historische Romane und Dramen. Heute wird Wasow in Bulgarien als der “Patriarch der bulgarischen Literatur“ angesehen. Das bulgarische Nationaltheater in Sofia trägt seinen Namen.

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Bilder: Vassto (12/2011) Wikipedia.org
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Sophia, Im Park in der Nähe der Sweta Sofia (Света София)

Wilhelm Jensen

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Deutscher Lyriker und Schriftsteller; uneheliches Kind des Kieler Bürgermeisters Sven Hanns Jensen und der Dienstmagd Engel Dorothea Bahr, wurde jedoch im Alter von drei Jahren von einer unverheirateten, kinderlosen Frau adoptiert. Jensen besuchte zunächst das Gymnasium in Kiel und dann für ein letztes Jahr das Katharineum zu Lübeck, bevor er 1856 zunächst Medizin und dann Philosophie und Literatur in Kiel, Würzburg und Breslau studierte und sein Studium 1861 mit der Promotion abschloß. Auf Empfehlung seines ehemaligen Schulkameraden Emanuel Geibel ging er nach München, wo seine ersten schriftstellerischen Arbeiten entstanden. 1865 zog er mit seiner Frau Marie, née Brühl, die er 1864 auf der Fraueninsel im Chiemsee kennengelernt und in Wien geheiratet hatte, nach Stuttgart, wo er die Tätigkeit eines Redakteurs bei der Schwäbischen Volkszeitung annahm. Über Stationen in Flensburg, wo er 1869 die Leitung der Flensburger Norddeutschen Zeitung übernahm, Kiel und Freiburg im Breisgau, wo er er den Maler Emil Lugo kennenlernte und mit ihm eine Freundschaft einging und mehrere Reisen nach Italien unternahm, kam er 1888 nach München. Ab 1895 hatten er und die Familie sich auf ihren Ferienwohnsitz in St. Salvator bei Prien am Chiemsee auf.

Jensen beschäftigte sich in seinen Werken - Romanen, Novellen, Gedichten und Theaterstücken - hauptsächlich mit historischen Themen. Eine seiner Novellen, Gradiva, Ein pompejanisches Phantasiestück (1903), nahm Sigmund Freud zum Anlaß einer Traumanalyse.

Werke u.a.: Magister Timotheus (1866), Die Juden von Cölln. (1869), Unter heißerer Sonne (1869), Um den Kaiserstuhl: ein Roman aus dem Dreißigjährigen Kriege (1878), Nach Sonnenuntergang (1879), Die Pfeifer von Dusenbach. Eine romantische Erzählung (1884), Heimat (1901), Vor drei Menschenaltern (1904), Die Nachfahren Ein geschichtlicher Roman (1909).

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Fraueninsel im Chiemsee, Friedhof

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Leopold Andrian eigentl. Leopold Reichsfreiherr Ferdinand von Andrian zu Werburg

~1900                 1918

 

Österreichischer Schriftsteller und Diplomat; Sohn des Anthropologen und Geologen Ferdinand Freiherr von Andrian zu Werburg und Caecilie Meyerbeer (*1837, †1931), eine Tochter des Komponisten Giacomo Meyerbeer; besuchte von 1885 bis 1887 das jesuitische Elitegymnasium Kalksburg und wurde anschließend bis 1890 durch einen Hauslehrer unterrichtet, bevor er auf das Gymnasium in Meran und schließlich das Schottengymnasium in Wien kam. Nach der Matura (Abitur) studierte er an der Universität Wien Rechtswissenschaften, hörte dort aber auch Geschichte, Philosophie und Literatur. Nach Abschluß des Studiums und Promotion trat er in den Staatsdienst ein und war als Diplomat u.a. in Rio de Janeiro und Buenos Aires tätig und kam danach an die Botschaft in Sankt Petersburg.. Schließlich war er ein Jahr lang Gesandter und Generalintendant der Hoftheater in Wien, dabei auch einige wenige Monate Intendant des Burgtheaters. Nach dem Untergang Österreich-Ungarns zog er sich immer mehr zurück; 1938 emigrierte er über die Schweiz und Nizza nach Brasilien.

Erste Gedichte Leopolds von Andrian zu Werburg, so sein Name vor Untergang des österreich-ungarischen Reichs und der damit verbundenen Abschaffung jeglicher Adelstitel, erschienen bereits 1894 auf Vermittlung von Hugo von Hofmannsthal in Stefan Georges Blättern für die Kunst. die bereits seine besondere Begabung offenbarten, und 1894 kam die von Hofmannsthal inspirierte lyrische Märchenerzählung Der Garten der Erkenntnis heraus.

Nachlässig starb, zu langsam starb die Nacht,
Indes die Fenster groß und weiß im Zimmer sangen.
Wir waren Kinder und wir sind zu früh erwacht . . .
Es war ein Feiertag und alle Glocken klangen.

Und in dem Augenblick, da uns der Traum entwich,
Da fühlten wir durch unsre Seelen beben
Der Freuden Schatten, die das Fest versprach
Und schön und ungewiß wie eine Frau im Traum: das Leben.

So sahen es die Götter des Homer,
Wenn auf dem goldnen Lager sie erwachten,
An ihrer Tage schimmernd Perlenband
Und des Geniessens Ewigkeiten dachten;

An all die Schlachten, drin ihr Ruf gedröhnt,
An stille Knaben, trunkner Frauen Lieder.
Die sonne steigt - der bleiche Himmel tönt
Nach Salbe duften ihre leichten Glieder.

Warum - da unsre Seele lang erkannt,
Daß sie allein dem Dasein Reiz gegeben -
Bei jedem Tag, den einst wir Fest genannt,
Nach Unbekanntem sehnsuchtsvoll wir beben?

aus: Der Garten der Erkenntnis: Und andere Erzählungen.
 

Werke u.a.: Die Ständeordnung des Alls. Rationales Weltbild eines katholischen Dichters (1930), Österreich im Prisma der Idee (1937).

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Bilder: Claus Harmsen (stones&art, 04/2014)

Altaussee (Steiermark), Gemeindefriedhof

Ljubow Fjodorowna Dostojewskaja [russ. Любовь Фёдоровна Достоевская]

                          

 

Russische Autorin; Tochter von Fjodor Dostojewskij und dessen zweiter Ehefrau Anna; da Dostojewskij mit seiner Frau vor den Gläubigern aus Rußland geflohen war, kam seine zweite Tochter in der Haupütstadt des Königreich Sachsen zur Welt. Sie wuchs dann aber in Sankt Petersburg au, wo sie ihren Vater verlor, als sie elf Jahre alt war. Von fragiler Gesundheit geschwächt und zahlreichen Krankheiten geplagt, suchte sie immer wieder in Westeuropa Krankenhäuser auf oder kam zur Kur in Sanatorien. 1913 reiste Ljubow, die sich im Westen Aimée nannte, u.a. nach Nizza, Paris, Vichy und Berlin. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 und die 1917 in Rußland beginnende Revolution verhinderten ihre Rückkehr in die Heimat. So blieb sie nahezu mittellos in Westeuropa zurück, mußte sogar immer wieder “Anstalten um Almosen zu bitten“; von ihrer Mutter konnte sie auch keine Hilfe erwarten, weil diese von den Bolschewiki enteignet worden war. 1924 zog sie auf Anraten ihres Arztes von Nizza nach Meran, wo sie den Winter 1925/26 verbrachte. Anschließend hielt sie sich in Arco auf, bevor sie sich 1926 wegen eines Augenleidens in das renommierte Sanatorium Grieserhof in Gries begab, wo sie völlig verarmt “an Blutarmut und Vitaminmangel” starb.

Die erste westeuropäische Sprache, die sie erlernte war das Deutsche. So kam auch ihr Werk Dostojewskij geschildert von seiner Tochter zuerst auf Deutsch 1920 in München heraus. Die russische Ausgabe unter dem Titel Достоевский в изображении его дочери Л.Достоевской kam 1922 auf den Buchmarkt - allerdings in einer stark gekürzten Version. Während das Buch viel gelesen wurde, fanden ihre anderen Werke keinen besonderen Anklang.

Anna Dostojewskaja mit Sohn Fjodor und Tochter Ljubow

Werke u.a.: Больные девушки (1911, dt. Kranke Mädchen), Эмигрантка (1912, dt. Emigrantka), Адвокатка (1913, dt. Adwokatka).

Inschrift: Fern ihrer Heimat starb in Bozen in Italien Aimée Dostojewskaja die liebevolle und wahrhaftige Biographin ihres großen Vaters. Sie liegt unter diesem aus brüderlicher Verehrung und Zuneigung errichteten Stein.

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Hinweis: 1957, als der Alte Friedhof in Gries geschlossen wurde, wurden die sterblichen Überreste auf den Friedhof von Oberau-Oltrisarco, der heute als Hauptfriedhof Bozens dient, überführt.

Bilder: Matthias Bauer (05/2014)

Bozen-Bolzano, Stadtfriedhof (Oberau-Oltrisarco)

Rudolf Huch

 

 

Deutscher Schriftsteller und Essayist; Sohn eines Großkaufmanns; Vetter von Friedrich Huch; wuchs mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Ricarda in Braunschweig auf und studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten von Heidelberg und Göttingen. Nach Beendigung des Studiums ließ er sich 1888 in Wolfenbüttel als Rechtsanwalt und Notar nieder. Ab 1915 lebte er - abgesehen in der Zeit zwischen 1915 und 1920, in der er sich in Helmstedt aufhielt - in Bad Harzburg.

Huch verfaßte Essays, Erzählungen, satirische, aber auch Erziehungs- und Bildungsromane. Sein Hauptthema ist der Weg des deutschen Bürgertums vom provinziellen Kleinbürgertum zur Bourgeoisie. Außerdem veröffentlichte er Beiträge zur Literaturwissenschaft.

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Braunschweig, Hauptfriedhof

Raymond Queneau

 

Französischer Schriftsteller; einer Familie von Kaufleuten entstammend; ging 1920 nach Paris, studierte dort an der Sorbonne Philosophie und hörte an der Ecole Pratique des Hautes Etudes Vorlesungen über Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Nach Beendigung des Studiums leistete er zwischen 1925 und 1927 in Marokko und Algerien seinen Militärdienst ab. Bereits 1924 hatte er sich einer Gruppe Surrealisten um André Breton angeschlossen und verfaßte für deren OrganLa Révolution surréaliste Artikel. In jener Zeit stellte er mit den Mitteln der Ironie eine absurde Welt dar, spielte dabei mit allen Möglichkeiten der Sprache, z.B. in Exercices de style (1947, dt. Stilübungen), 99 Versionen einer alltäglichen Begebenheit. Berühmt wurde sein Roman Zazie dans le métro (1959, dt. Zazie in der Metro), der auch von Louis Malle mit Catherine Demongeot als Zazie und Philippe Noiret als Onkel Gabriel verfilmt wurde. Nicht nur bei diesem, sondern auch bei anderen Filmen wirkte er an Filmscripten und Drehbüchern mit, so für die 1954 von René Clémentin inszenierte Literaturverfilmung Monsieur Ripois (dt. Liebling der Frauen) mit Gérard Philipe oder für Luis Buñuels La mort en ce jardin (dt. Pesthauch des Dschungels) von 1956 mit Simone Signoret und Michel Piccoli (*1925) in den Hauptrollen.

1938 wurde Queneau, der auch Lyrik und Essays verfaßte, Lektor des renommierten Pariser Verlages Gallimard. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er eingezogen, mußte jedoch nicht mehr an die Front, da das französische Heer 1940 nach der Besetzung großer Teile Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht demobilisiert wurde. 1941 wurde er Generalsekretär von Gallimard und ab 1945 Leiter der Encyclopédie de la Pléiade. 1950 unternahm er eine längere Reise durch die Vereinigten Staaten und wurde ein Jahr später Mitglied der Académie Goncourt, des Collège de Pataphysique und der Société Mathématique de France. 1960 war er Mitbegründer der internationalen Sprachwerkstatt Ouvroir de Littérature potentielle (Werkstatt für potentielle Literatur), kurz Oulipo, ein Sammelbecken experimentierfreudiger Autoren.

Werke u.a.: Le Chiendent (1933, dt. Der Hundszahn), Les derniers jours (1935. dt. Die kleinen Geschäfte des Monsieur Brabbant), .Pierrot mon ami (1942, dt. Mein Freund Pierrot), Saint-Glinglin (1948; dt. Heiliger Bimbam), Les Fleurs bleues (1965, dt. Die blauen Blumen), Le vol d'Icare (1968, dt. Der Flug des Ikarus).

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Bilder: Herbert Herterich (07/2015)

Juvisy-sur-Orge (Dép. Essonne), Cimetière ancien

Michail Michailowitsch Soschtschenko [russ. Михаил Михайлович Зощенко]

1915/16                        

 

Russischer Schriftsteller; Sohn eines ukrainischen Malers und einer Schauspielerin; bereits während seines Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität in Sankt Petersburg verfaßte er erste Erzählungen. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Freiwilliger teil. 1918 wurde er Offizier der Roten Armee. Nach dem Ende des Bürgerkriegs nahm er verschiedene Tätigkeiten an, um sich so seinen Lebensunterhalt zu sichern. Nachdem er nach Petrograd (die Bolschewiki hatten Sankt Petersburg 1914 umbenannt) begann er, wieder zu schreiben, und als einzelne Erzählungen in satirischen Zeitschriften abgedruckt worden war, war er seit 1920 als freier Schriftsteller tätig und setzte sich als Mitglied der 1921 gegründeten literarischen Gruppe der Серапионовы братья (Serapionsbrüder) für die Befreiung der russischen Literatur von politischer Bevormundung ein. 1922 erschien eine Sammlung von Erzählungen unter dem Titel Рассказы Назара Ильича господина Синебрюхова (dt. Erzählungen des Nasar Iljitsch Herrn Blaubauch).

Als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Front

Soschtschenko schilderte in seinen Werken auf humoristisch-satirische Weise die oftmals grotesken Situationen des Alltags der Menschen in der Sowjetunion. Dabei nahm sein Spott das Spießbürgertum aufs Korn, das sich aus der zaristischen Zeit in die “neue Zeit” des “neuen Menschen” herübergerettet hatte. Seine Erzählungen machten ihn zu einem der beliebtesten und meistgelesenen Satiriker der Sowjetliteratur. In den folgenden Jahren gehörten Soschtschenkos Werke zu den auflagestärksten Büchern auf den Markt.

1946 wurde er gemeinsam mit der Lyrikerin Anna Achmatowa wegen angeblicher Verherrlichung der westlichen Kultur öffentlich geschmäht und aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und erst nach dem Tode Stalin im Jahre 1953 zwar rehabilitiert, mußte sein Leben aber bis zu seinem Tode in Leningrad als Übersetzer fristen.

Werke u.a.: Was die Nachtigall sang (1927), Der redliche Zeitgenosse (1927), Голубая книга (1935, dt. Das Himmelblaubuch), Перед восходом солнца (1943, dt. Vor Sonnenaufgang).

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Bild: Pjotr Iwanow (2007) Wikipedia.org

Sestrorezk, Sestrorezkoje Kladbischtschje

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Schriftsteller XXI

Omnibus salutem!